ZWISCHEN NUTZEN, BEQUEMLICHKEIT UND WAHRHEIT
Rund 1.8 Millionen Apps und rund 245.000 Spiele im Play Store (Google), eine durchschnittliche, tägliche Sceentime (aktive Bildschirmzeit) von 4,5 bis 7 Stunden, variierend natürlich nach Alter, Geschlecht, Region. Ein Anstieg um 30 min täglich seit 2013.
Durchschnittlich haben Smartphone – Nutzer circa 40 App installiert, wovon sie weniger als die Hälfte regelmäßig nutzen (immerhin), höhere Zahlen bei jüngeren Generationen ab den „Millennials“.
Wahrnehmbar und analytisch steigt der Einsatz von KI rapide an. Nicht mehr exklusiv für Firmen und globale Unternehmen (78% von ihnen haben KI längst fix in ihre alltäglichen Geschäftsabläufe integriert) im professionellem Bereich (Wirtschaft, Medizin, Verkehr, Finanzen etc.), besonders die private Nutzung von KI ist beinahe unaufhaltsam und selbstverständlich in den gewöhnlichen Alltag gebettet. Selbstbestimmt, versteht sich. Denn die Anwendung von KI in den variationsreichsten Formen und Tools verspricht Effizienz und Zeitersparnis.
Oder vielleicht doch Bequemlichkeit und Zeitvertreib? Wie groß ist die Gefahr sich selbst und seine Lebenszeit im weiten Kosmos der KI Anwendungen zu verlieren? Was ist noch real, wenn KI überall seine digitalen, virtuellen, algorithmischen Fäden zieht?
Die Inanspruchnahme sogenannten künstlicher Intelligenz oder besser gesagt der erweiterten menschlichen Intelligenz auf künstlichem Niveau reicht viel länger zurück als APPs auf dem Smartphone für jedermann.
Seit einigen Jahren aber kann im Grunde jeder, der über ein geeignetes Devise verfügt, die scheinbar grenzenlosen Möglichkeiten von KI-Softwares nutzen. Sei es im passiven Nutzen von KI Assistenten (Alexa, Siri etc.) oder der aktiven Anwendung mittels generativer KI (Erstellen neuer Inhalte wie Texte, Bilder, Musik oder Videos mittels künstlicher Intelligenz wie ChatGPT, Canva, Veo3 etc.) Verlockend, bequem, easy, vielversprechend.
Der Nutzen aber auch der Komfort in einer für den einfachsten oder einfältigsten Anwender relativ jungen Domäne scheint schier grenzenlos. In der Tat zeigt sich in vielen Bereichen eine enorme Weiterentwicklung, eine Erleichterung in Problemlösungsfindung, eine Bequemlichkeit, die durch Vertrauen in die Technik entsteht.
Alles geht schneller und einfacher.
Jede multidimensionale Hintergrundarbeit, jahrelangen, gezieltenErrungenschaften von Skills und Know-How verschwinden in Ignoranz und Desinteresse in nicht mehr greifbare Komplexität.
Der Output für den Otto-Normal-Verbraucher: Ein tatsächlicher Zeitgewinn?
Die Entwicklung ist evident so rasant, dass die aufgrund der gefälligen, schnellen KI generierten Antwort in Suchmaschinen (oder direkt am Smartphone über diese und jene Software), die täuschend-echte Qualität KI generierter Videos und Bilder sowie die in allerlei Bereiche einfließenden Super-Tools (Musik-Analyse, Pflanzen/Tier- Erkennen, Sleep-Controller, Wasser-Trink-Reminder etc.) den Eindruck erwecken, dass wir einen enormen Gewinn durch Nutzung der gesamten KI-Industrie haben. Gewinn vor allem in Zeit.
Natürlich kann man Zeit weder sparen, noch gewinnen, aber es entsteht eben die Illusion, wir würden unsere Zeit durch die Perma-Anwendung an anderer Stelle besser nutzen können. Nicht
mehr in Lexika nach Begriffen nachforschen, nicht dutzende Websites öffnen, anlesen, schließen, bis einem eine Antwort taugt, nicht tausende Bilder von Schmetterlingen in der Imageanzeige durchforsten, bis man glaubt, den richtigen gefunden zu haben, nicht mehr selben daran denken müssen, Wasser zu trinken oder die Oma anzurufen. Überhaupt gar nichts mehr selber denken und erinnern, auch das übernimmt mittlerweile ganz ungefragt das Smartphone. Alle paar Tage eine Benachrichtigung der Google Galerie über eine Erinnerung vor genau einem Jahr, dazu eine druckreife Collage.
Wie schön es ist, an nichts mehr selber denken zu müssen, nicht mehr nachdenken, überlegen, grübeln, überhaupt denken. Oder?
Wenn ich beginne, mich meines Verstandes zu entledigen, um mir alle Informationen und alle Gedanken generieren zu lassen, nichts mehr merken kann und will und vielleicht x-mal dasselbe nachschlage/nachschaue, weil ich mich nicht mehr erinnern kann, dann steht der vermeintliche Zeitgewinn zu einem Zeitverlust in Konkurrenz.
Habe ich meine Zeit besser genutzt, wenn ICH sie doch gar nicht nutze?
Wissenschaftler des MIT haben herausgefunden, dass ChatGPT das Gehirn träger macht – mit der niedrigsten jemals gemessenen neuronalen Aktivität. Das beweist nicht, dass KI Menschen dümmer macht, aber es zeigt auch, dass Trägheit des Gehirns kein Zeitgewinn sein kann.
Und schneller als eine KI Antwort zu bekommen, auf einen Frage, die man, auch wenn man sie lästigerweise nicht eintippen will, zumindest mal adäquat verbal formulieren muss, ist….die eigene korrekte Antwort aus den Gefilden der eigenen wundersamen Welt der Gedanken, Erinnerungen, des eigenen angehäuften Wissens zu produzieren. Das muss und darf man sich zusammentragen und speichern. Und das geht nur, wenn man selber Dinge tut.
Ein Blick in die Einstellung am Smartphone zur Screentime gibt Auskunft, um Klarheit zu erlangen,
wie lange wir eigentlich am Smartphone sind ohne einen bewussten Nutzen davon gehabt zu haben?
Suche ich etwas Konkretes, dann finde ich meist eine Flut an ansprechenden Alternativen, Ablenkungen, die ich gar nicht gesucht habe, die mich aber interessieren, als hätte ich es schon immer wissen wollen, was diese Ablenkungen versprechen. Gefällige Dokus, kurzlebige Reportagen, unnötige Vlogs und Shorts, eins nach dem anderen in Hintergrundtaps geöffnet…bis es 186 sind und ich nie dazu komme, diese zu schauen und meine Telefon immer langsamer wird.
Mich stören inzwischen sogar die vorgeschriebenen Antworten in Suchmaschinen KI: hier, KI: da.
Ich scrolle ja sowieso weiter, um spezifischeres Wissen zu erhalten. Wozu also braucht es eine KI generierte Darstellung zum Thema Gebrauchtwagen, wenn ich doch konkret einen Gebrauchtwagen suche?
Obwohl mittlerweile der Discover (ungefragte personalisierter Content-Feed) am Smartphone ausgeschaltet ist, erscheint am Display mindestens alle paar Stunden eine XYZ-Promi/Yellow-Pressbenachtigung im Stile der Klatschpresse. Und wieder Sekunden meines Lebens für etwas, das ich wegwischen muss, nicht aber ohne, dass mein Gehirn schnell noch den Titel jener Trash-Info aufsaugt.
Und wehe, ich habe eine meiner APPs über einen „längeren“ Zeitraum nicht genutzt: Dann werde ich auch hier eindringlich und regelmäßig erinnert. Duolingo hat derweilen ein Feature im Widget-Icon eingebaut, welches das anfänglich, freundliche Vogelgesicht zu einem zornigen Angrybird mutieren lässt, wenn ich gar zu spät meine erste Sprachlektion absolviere.
Überall der Zusätze wie *mit Hilfe von KI erstellter Algorithmus zu ihrem Interesse*, *mittels KI auf Sie zugeschnittene Werbung*, *KI unterstützter Inhalt*
Wer verfügt denn übermeine Zeit, wenn permanent etwas aufploppt, mir Informationen aufzwingt, mich an etwas erinnert, was ich im Grunde nicht will.
Angekommen im Suchtmodus, schauen Menschen (Smartphone-User) durchschnittlich etwa 58 Mal am Tag auf ihr Handy, wobei 70 % davon wohl weniger als zwei Minuten dauert (immerhin). Mit jedem Feature, jeder App, jeder Verknüpfung zu einer realen Gewohnheit nimmt die Handyabhängigkeit zu, zumal Mobiltelefone als Device der primärer Zugangspunkt zum Internet sind.
Eine klassische Sucht bestimmt über Gedanken, Wünsche, Handeln, Verhalten und Auftreten, Gesprächsthemen, soziale Kontakte, Prioritäten, alles. Vor allem über Lebenszeit.
Was aber, wenn die Ursache der Sucht selbst über Bewusstsein verfügt? Virtuelles, aber eben trotzdem eine Form von Bewusstsein.
Lebenszeit ist nicht #artifiziell, jeodch ist die in Fleisch, Blut und Seele übergehende Synthese von Technik und Mensch längst nicht mehr Science-Fiction.
Und sollte ich mich doch mal in einen „Scroll“-Weiterwischen-Clipmonster-Algorithmus verirren, frage ich mich (zu Recht!) bei jedem zweiten Video:
Ist das echt? Ist das wahr? Authentisch?
Photos „verbessern“, problemlos aus Photos Videos herstellen, komplett animierte Videos mit nicht selbsterdachten Handlungen kreieren, ganze Bücher und ebooks artifiziell erschaffen und publizieren, News manipulieren, Nachrichten und Informationen mit künstlichem Bildmaterial verbreiten, u.s.w. Ob Gesundheit und Sport, Medizin, Ernährung, Mode, Fitness, Bildung und Sprachen. Es lohnt nicht alle Kategorien aufzuzählen, ein Blick in jeden APP-Store genügt, um Dinge zu entdecken, auf die man bei weitem niemals selbst gekommen wäre.
Zugegeben KI besitzt eine große Faszination. Doch wenn sie den Alltag zu übernehmen scheint, bleiben die Fragen nach Authentizität, Wahrheit und Sinn.
3D-Animationen kann inzwischen jeder mit bestimmten Apps kostenlos erstellen. Neue KI-Videobearbeitung kann alles in Echtzeit digital verändern und ersetzen, Kleidung, Produkte, Hintergründe, Menschen – indem man einfach eingibt, was man will. Dadurch ist jedes Video, das wir sehen, potenziell gefälscht, unecht. Die Realität selbst lässt sich nicht mehr überprüfen.
Die menschliche Gesellschaft verändert sich in einem nicht absehbaren, erdenkbaren Maße.
Und die Zeit? Zeit ist relativ, subjektiv, auch wenn objektiv messbar.
Wenn ich mich fragen muss, ob etwas echt ist, dann ist das allein schon der Indikator dafür, dass die uns gegebene Lebenszeit misshandelt wird.
Wie kostbar ist unsere Lebenszeit und haben wir mehr von ihr, wenn vieles scheinbar immer bequemer, künstlicher wird? Die menschliche Intelligenz, die VI – Vitale Intelligenz als Gegenpol oder Parallele zu den wirklich menschlichen Belangen dürfen/ müssen/ sollten wir kultivieren, denn sie ist zumindest der Schlüssel zur Authentizität und Wirklichkeit. Der eigene Wissenspool ist so spezifisch und individuell, dass jede Kumulation zum Wohle des gemeinsamen Nenners oder allgemein-verträglichen intellektuellen Kapazität das Wunder der eigenen Erkenntnis zerstört. Wissen zu teilen ist wichtig, ist großartig, ist sinnvoll. Die Nuance für den eigenen Kenntnisgewinn liegt in immer im Konkreten, im Speziellen, in einer auf Empirie und Lebenswerk basierenden menschlichen Erfahrung. Eine an den wunderbaren, menschlichen Geist gebundene Expertise.
Und dann wird Zeit auch irrelevant.
Vielen Dank für’s Lesen.
Carpe diem!
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